Gräfenberg, im August 2007:

Der Kessel von Gräfenberg


In Wunsiedel ist der Hitler-Stellvertreter Hess begraben. Aus diesem Grunde trafen sich dort an dem Wochenende nach seinem Todestag Mitte August regelmäßig die braunen Scheißer. Die Veranstaltung entwickelte sich zu dem größten Faschisten-Treffen Europas. Seit 3 Jahren ist diese Veranstaltung glücklicherweise verboten, auch die Wampe hat sich dort am Widerstand gegen die Faschisten beteiligt.
In diesem Jahr haben die Faschos nach dem Verbot Ausweichveranstaltungen angemeldet unter anderem in München, Jena und Gräfenberg. Die meisten dieser Veranstaltungen wurden verboten, nicht jedoch die in Gräfenberg. Also wollten die Faschos dahin, und wir natürlich auch. Wir, das sind Wampen aus Nürnberg, Regensburg, München und Aachen, insgesamt ca. 10 Stücker.
Die Antifa-Bürgerini und ihre Gäste hatten den Marktplatz, auf den die Faschos wollten, schon vormittags mit einem gemeinsamen Frühstück besetzt. Wir zogen gegen Mittag aus dem rund 50 km entfernten Nürnberg los. Die Kontrollen waren für uns nur mäßig und wir kamen gut durch, die Faschos dagegen wurden scharf kontrolliert und auf Parkplätzen festgehalten.
Auf dem Marktplatz angekommen, bot sich uns bei herrlichem Wetter das Bild eines Stadtfestes mit rund 1000 Besuchern: Stände mit Essen und Trinken zu sehr moderaten Preisen, Bierzeltgarnituren und eine Bühne, auf der sich Redebeiträge, Musik, Kabarett (u.a. Bernd Regenauer) und Kleinkunst (z.B. die “Apfelfront“) abwechselten. Besonders zu bemerken ist dabei, dass wirklich jeder, der wollte, zu Wort kam, vom CSU – Landtagsabgeordneten bis zum Sprecher der Autonomen. Eine Ausgrenzung, wie zum Beispiel in Wunsiedel, wo die ultra-radikale VVN nicht sprechen durfte, fand in Gräfenberg nicht statt. Auch wir wurden sehr herzlich begrüßt und aufgefordert, einen Redebeitrag zu halten - was wir auch taten.
Erstmalig unterbrochen wurde das bunte Treiben nach 16:00 Uhr am Nachmittag. Die Polizei forderte uns mittels Lautsprecher auf, den Platz zu verlassen, um den Raum für die Nazis frei zu machen, die von 17:00 bis 22:00 Uhr eine Veranstaltung angemeldet hatten. Es hieß, dass am Bahnhof ca. 400 Faschos versammelt wären. Aber kaum jemand dachte daran, den Marktplatz zu verlassen, stattdessen riefen die Demonstranten „Wir bleiben hier“. Die Damen und Herren in grün bauten Absperrgitter auf und kontrollierten die Zugänge zum Marktplatz. Wir waren im Kessel von Gräfenberg, aber es waren nur wenige Polizisten zu sehen, und diese waren nicht im Turtle-Outfit mit Schild und Panzerung. Es deutete also nichts auf eine gewaltsame Räumung hin, und so blieben alle auf dem Platz und das Stadtfest ging nach 15 Minuten Unterbrechung einfach weiter. Den Faschos wurde nach Hörensagen ein Ausweichplatz angeboten, anscheinend am Arsch der Welt - wo sie ja auch hingehören - aber den wollten sie nicht akzeptieren.
Allmählich ging den Gräfenbergern das Essen und Trinken aus, doch sie setzten alle Hebel in Bewegung und konnten immer wieder Nachschub beschaffen. Auch bei den Darbietungen auf der Bühne kam es jetzt zu Wiederholungen, der guten Stimmung tat das keinen Abbruch.
Gegen 18:00 forderte die Polizei wieder halbherzig zur Räumung des Platzes auf, und das Ergebnis war das Gleiche. Nachdem die Faschos auch jetzt keinen anderen Platz akzeptieren wollten, entschied die Polizei, sie um 20:30 Uhr in den Zug zu setzen und nach Hause zu schicken.
Damit war unser Ziel voll erreicht, es gab noch Freibier, von dem wir leider nichts hatten, aber es war natürlich trotzdem ein schöner Tag. Gegen 21:00 machten wir uns dann müde und zufrieden auf den Heimweg.

Noch ein paar Gedanken danach:
Vielleicht hatte die Polizei zu wenig Einsatzkräfte, um den Platz zu räumen. Aber das halte ich nicht für wahrscheinlich. Dann schon eher, dass sie sich nicht mit den vielen „normalen“ Bürgern aus Gräfenberg und Umgebung sowie der lokalen Polit-Prominenz anlegen wollte. Dieses Beispiel sollte Schule machen. Die Faschos werden wohl Klage einreichen, und in einem ähnlich gelagerten Fall in Nürnberg bekam die Polizei mit dem „Ansbacher Urteil“ ordentlich einen auf den Deckel. Seit dem marschiert die Polizei in Nürnberg bei Fascho-Veranstaltungen sehr massiv auf und sorgt dafür, dass die Faschos laufen können. Hoffentlich macht diese Praxis nicht weiter Schule.
Das besondere an der Aktion in Gräfenberg war das wirklich breite Bündnis, welches die Bürgerinitiative auf die Beine gestellt hat. So ein Bündnis ist sicherlich für viele eine nervliche Belastungsprobe, dennoch hoffe ich, dass es so bleibt. Man stelle sich vor: Ein CSU-Berufspolitiker fordert die Demonstranten gegen die Anweisung der Polizei zum Besetzen des Platzes auf! Hoffentlich entwickelt es sich nicht so wie in Wunsiedel, wo derartige Politiker die Chance sahen, sich zu profilieren und ihren Einfluss nutzen, Andersdenkende auszugrenzen.
Bleibt noch ein akutes Problem: Wie kann man Gräfenberg vor den monatlichen Fascho-Aufmärschen schützen, so das die braunen Idioten da bleiben, wo sie zu Hause sind, nämlich im Arsch der Welt?


Hintergrund

Im Städtchen Gräfenberg in der fränkischen Schweiz steht ein besonders großes und hässliches Kriegerdenkmal. Jahrelang war dieses das Ziel der Faschos, um sich dort mit Fackelumzügen, Sonnenwendfeiern und ähnlichem zu produzieren. Die Faschos sind in Gräfenberg nicht gern gesehen, zum einen gibt es in Gräfenberg Antifaschisten, zum anderen ist der Tourismus ein nicht unerheblicher Wirtschaftsfaktor für Gräfenberg, und bei den Touristen sind die braunen Horden nicht beliebt, sie bleiben weg.
Vor ca. 8 Jahren unterband die Stadt das Treiben am Kriegerdenkmal folgendermaßen: Das gesamte Gelände wurde an einen neu gegründeten Verein verpachtet, und der untersagte den Faschos den Zutritt. Seit dem treffen sie sich am Fuße der Treppe, die zum Denkmal führt, meist in Gruppen von 50 – 100 Ewiggestrigen. Um Druck auf die Stadt auszuüben, werden seit einiger Zeit ungefähr monatlich Versammlungen angemeldet, was inzwischen tatsächlich zu einer Belastung für die Stadt geworden ist.


Bilder - allerdings von der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 2007 - unter BILDER/Gräfenberg, 2. und 3. Oktober 2007.